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Nach der Lektüre dieses Buchs habe ich das Gefühl, eine Zitronenlimonade getrunken zu haben, wie sie Pereira so sehr liebt. Sehr süffig und wohlschmeckend ist sie, und während man sie eisgekühlt hinunterstürzt, glaubt man, nichts auf der Welt könne besser schmecken und den Durst angenehmer löschen. Doch nach dem letzten Schluck bleibt eine gewisse Leere. Man weiß, dass zu viel Zucker in der Limo war und allenfalls Spuren vom Vitamin C der Zitrone. Die Erfrischung weicht einem etwas klebrigen Gefühl auf den Lippen, und der Durst ist schnell zurück.

Viel Gutes und Angenehmes ist an dem Buch. Die schlichte Sprache liest sich leicht weg. Das immer wieder eingeschobene „erklärt Pereira“ verleiht dem Text gleichzeitig einen gewissen Bruch, verhilft ihm zu einer zweiten Dimension. Denn der Leser weiß nicht, wem Pereira hier Erklärungen abgibt. Unweigerlich denkt man an ein Polizeiverhör. Ein beklemmender Gedanke als geschickt gesetzter Kontrapunkt in der ansonsten doch eher behäbigen und wohlig-melancholischen Geschichte um den Kulturredakteur Pereira. Der befindet sich im Lissabon unter dem Salazar-Regime politisch in einer resignierten inneren Emigration und hat sich als Journalist in die vermeintlich unverfängliche Übersetzung französischer Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert zurückgezogen. Emotional schaut er reuig einem nicht gelebten Leben hinterher. Die Begegnung mit dem jungen, naiven Widerständler Monteiro Rossi, der als Praktikant für Pereira Vorrats-Nachrufe auf berühmte Schriftsteller verfassen soll  und dabei zensur-inkompatible Plädoyers für die Freiheit abliefert, holt den alten Journalisten aus seiner Lathargie und lässt ihn politisch aktiv werden.

Das Buch enthält herrliche Dialoge, treffende Sinnsprüche, ist stimmungsvoll und bringt einige Mechanismen der schleichenden bis brutalen (Selbst-)Zensur in diktatorischen Staaten auf den Punkt. Das hatte sicher zur Zeit des Erscheinens im Italien der Ära Berlusconi einige Brisanz und lässt sich natürlich bis heute weltweit auf viele Regime und Gesellschaften übertragen, die die Freiheit des Wortes beschneiden. Sehr zu schätzen ist Erklärt Pereira als Feier des kleinen, nur vermeintlich sinnlosen Widerstands des Einzelnen.

Der Roman ist dabei unterhaltsam, schön, berührend – und dabei eben schon an der Grenze zu einer allzu großen Wohlgefälligkeit und Betulichkeit. Es fehlen ein paar Haken und Ösen. Oder, um zur Limonade zurückzukommen: Für meinen Geschmack ist etwas viel Zucker drin. Aber hin und wieder schmeckt so etwas schon. Solange man sich nicht wie Pereira fast ausschließlich davon ernährt.

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