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Das Buch hat alles, was Colm Tóibín zu einem meiner Lieblingsautoren macht. Er ist der Meister des Schwebenden, Unausgesprochenen, der Momentaufnahmen und Zwischentöne, der schwer fassbaren Stimmungen, die er, ohne sie benennen zu müssen, ganz deutlich spürbar macht. Diese Zweideutigkeit gilt auch für die Figuren: Tóibín erzählt ruhig und in einfacher, lakonischer Sprache von normalen Menschen mit ihren Schwächen und Unsicherheiten. Tóibíns Charaktere sind nicht unbedingt sympathisch, herausragend oder gar bewundernswert. Doch er schildert sie so zutiefst menschlich, dass ich mich als Leser ganz mit ihnen identifizieren kann. Und die vermeintlich ohne Höhepunkte dahinplätschernde Handlung birgt doch die großen Emotionen und Lebensfragen – aber eben ohne Kitsch und Pathos.
Das gilt auch für „Die Geschichte der Nacht“ und ihren Protagonisten Richard Garay, einen jungen Mann mit ungewissen Eigenschaften, dessen Leben in Buenos Aires vor dem Hintergrund der argentinischen Militärdiktatur, des Falklandkriegs, des Übergangs zur Demokratie und des Ausverkaufs an die USA, schließlich der aufkommenden Aids-Epidemie geschildert wird.
Lateinamerikanische Zeitgeschichte ist hier aber weniger das Thema als die ganz persönliche Entwicklung Richards, dem die Uneindeutigkeit der Identität schon mit der Zweisprachigkeit – die dominante Mutter ist gebürtige Engländerin und hält stark an ihrer Herkunftskultur fest – eingeschrieben ist.
Ambiguität ist denn auch charakteristisch für Richards Lebensweg, privat wie beruflich. Gegenüber seiner Mutter outet er sich als schwul, und er lebt seine Lust aus, nach außen aber bleibt seine Sexualität verborgen – wenn auch längst nicht so ängstlich abgeschirmt wie bei seinem späteren Partner Pablo. Mehr oder weniger zufällig und passiv schlägt Richard mit Hilfe eines US-amerikanischen Paars, zweier CIA-Agenten, eine Karriere als Berater und Dolmetscher für Vertreter nordamerikanischer Wirtschafts- und Politinteressen ein, die ihn auch ins Zwielicht führt. Durch die politischen Untiefen Argentiniens schlafwandelt Richard ohne klare Haltung – ohne amoralisch zu sein wie manch anderer, aber alles in allem opportunistisch.
Trotzdem ist Richard nicht der wenig greifbare, aalglatte Charakter, als der er erscheinen könnte. Es ist Tóibíns außergewöhnlicher emotionaler Intelligenz zu verdanken und seiner Fähigkeit, in den schlicht aneinandergereihten Sätzen so viele Nuancen der menschlichen Natur zu vermitteln, dass wir mit Richard mitfühlen – vor allem in der tief bewegenden Liebesgeschichte, die im dritten Teil ganz in den Mittelpunkt rückt. Zum Schluss hin wird das Buch immer packender und am Ende erschütternd.
Unter diesem Eindruck sind meine winzigen Vorbehalte und Kritikpunkte dahingeschmolzen. Aber ich muss doch zugeben, dass es zwischendurch kleine Hänger gibt, die ein oder andere Partybeschreibung sich vielleicht ein wenig im Detail verliert und – mitsamt Agentengeschichte, politischem Hintergrund und allerlei erotischen Wirrungen – fast zu viel an äußerer Handlung in dem Roman steckt.

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