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Cortázars Erzählungen beweisen, was Literatur vermag: der Realität eine Dimension hinzuzufügen. Wirklich genießen werden die Stücke freilich nur diejenigen, die schon immer wussten, dass die Dinge um sie herum einen doppelten Boden haben – oder diesen doppelten Boden entdecken möchten.
„Bestiario“ ist der erste Erzählband, den Cortázar als solchen veröffentlicht hat, und enthält acht Geschichten, darunter mehrere berühmte und wohl auch die berühmteste, „Casa tomada“ („Das besetzte Haus“). Diese Erzählung repräsentiert Cortázars Art der Phantastik schon sehr gut. In das Alltägliche, Banale bricht, sehr subtil und lakonisch eingeführt, das Unerklärliche ein. Die „Wirklichkeit“ bekommt einen Riss, von dem man weiß, dass er das ganze Gebäude zum Einsturz bringen wird.
Was ist dieses nicht näher definierte Poltern in der Wohnung eines (inzestuösen?) Geschwisterpaars, das den Ich-Erzähler trocken feststellen lässt: „Ich musste die Korridortür abschließen. Sie haben den hinteren Teil besetzt“? Wohl der Knacks, der einfach irgendwann da ist, ganz leise sein mag, aber ein Lebensidyll oder auch eine Lebenslüge (zer)stören kann. Das, was jeden von uns jederzeit aus einem (vermeintlichen?) Paradies der Sicherheit vertreiben, uns den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Oder vielleicht eine Starre aufbricht.
Beängstigend und befreiend, wie so viele Motive bei Cortázar, die direkt aus der Welt des Unbewussten und der Alpträume entnommen zu sein scheinen.
Neben „Casa tomada“ liebe ich in diesem Band am meisten „Las puertas del cielo“ („Die Pforten des Himmels“), eine poetische Huldigung an den Tango und die dazugehörigen Kaschemmen, eine Erzählung, die man gar nicht surrealistisch lesen muss.
„Omnibus“ und „Bestiario“ pflanzen unauslöschliche Bilder in den Kopf des Lesers: die bösartigen Blicke des Kollektivs, die sich unerklärlicherweise in einem Bus auf zwei Menschen haften; und der Tiger, den man nie sieht, von dem man aber weiß, er ist irgendwo im Haus und macht diesen Raum – na, was soll’s – eben gerade nicht betretbar.
„Cefalea“ („Kopfschmerz“) ist so satirisch-absurd, dass ich dazu schwerlich eine Verbindung herstellen konnte.
Bei „Carta a una señorita en París“ („Brief an ein Fräulein in Paris“), ist der Humor deutlich zugänglicher – ein herrliches Bild, wie der Ich-Erzähler unfreiwillig ein Kaninchen nach dem anderen aus dem Hals hervorwürgt, und die Tiere – auch hier wieder – eine wohlgehütete Ordnung aushebeln.
„Circe“ ist eine spannend aufgebaute Horrorgeschichte, die an Urängsten rührt.
In „Lejana“ („Die Ferne“) geht’s um Identitätstausch. Die Erzählung gilt als Meisterwerk, macht’s dem Leser aber nicht leicht (was Cortázar ja auch vehement ablehnen würde).
In jedem Fall rate ich ganz dringend an, alles davon zu lesen.

„Bestiarium“ ist enthalten in: Julio Cortázar, Die Nacht auf dem Rücken, Suhrkamp Taschenbuch

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Ein Kommentar zu “Julio Cortázar, Bestiarium

  1. Pingback: Marlen Haushofer, Die Wand | BuchUhu

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