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Das Fremdeln hat nicht lange gedauert, und ich war mittendrin in dieser afrikanischen Familiengeschichte, die ruhig, aber gleichzeitig sehr fesselnd erzählt wird. Aus der Perspektive der 15-jährigen Kambili zeichnet der Roman das Bild einer widersprüchlichen Vaterfigur: Eugene ist nach außen hin vorbildlicher Katholik, erfolgreicher Unternehmer, großer Wohltäter und vor allem unerschrockener Streiter für demokratische Prinzipien in einer autoritären, korrupten Diktatur. In der eigenen Familie aber setzt er seine Werte – in erster Linie rigide religiöse Vorschriften und unerbittliches Leistungsdenken – mit erschreckender psychischer wie physischer Gewalt durch. Kambili und ihr Bruder Jaja sind erstarrt in einem Gehorsamsgefängnis aus Angst und abhängiger Liebe, dem beständigen Wunsch, dem Vater zu gefallen und seinem Terror zu entgehen. Sie kennen auch nichts anderes – bis sie bei einem Besuch im Haus ihrer lebenslustigen, selbstbewussten und deutlich ärmeren Tante Ifeoma eine andere Realität kennenlernen, nämlich ein liebevolles familiäres Miteinander in gegenseitigem Respekt. Von dort gibt es für Kambili und Jaja kein Zurück mehr – doch ihre Befreiung wird sehr schmerzhaft.
Das Buch ist kurzweilig, berührend und sehr plastisch in der Vermittlung afrikanischer Lebenswirklichkeit mit allen Gegensätzen, Widersprüchlichkeiten und Widrigkeiten. Psychologisch ist es stimmig. Eine Stärke ist, dass der Leser alles mitfühlen und nachvollziehen kann, was in Kambili vor sich geht – ohne dass sie selbst als Ich-Erzählerin ihre Empfindungen immer klar benennen muss, oft ohne dass sie sie definieren und reflektieren kann. Es fällt zum Beispiel kein abwertendes Wort über den Vater, trotzdem wird Kambilis stille innere Rebellion anschaulich, ebenso wie ihre zart beschriebene Liebe zu Pater Amadi. Hier sind die Dinge einfach, wie sie sind, ohne dass die Autorin den Leser mit überflüssigen Erklärungen und Ausdeutungen behelligt.
Insofern: Chimamanda Ngozi Adichie ist eine Erzählerin, die ihr Handwerk beherrscht, die etwas zu sagen hat und mit keiner Seite langweilt. Ich kann das Buch reinen Gewissens jedem empfehlen.
Ob die Autorin allerdings zu Recht gleich als eine der bedeutendsten Stimmen der aktuellen Weltliteratur gefeiert wird, ist eine andere Frage. Formal und sprachlich bleibt zumindest dieses Buch dafür aus meiner Sicht dann doch zu flach und konventionell.

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