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Als Leser erfülle ich alle Kriterien, um dieses Buch mit einigem Vergnügen zu lesen – weil ich als in den 1970er-Jahren geborener, in München lebender Journalist doch das eine oder andere wiedererkenne. Ich konnte mich daran erfreuen oder darüber staunen, dass eine Zeit, die ich miterlebt habe, und Orte, die ich gut kenne, hier zu Literatur werden. Gleichzeitig habe ich mich auch etwas erschrocken: Huch, dass die SZ-Redaktion einmal an der Sendlinger Straße angesiedelt war – für mich ein selbstverständlicher Fixpunkt in der Innenstadt – das ist ja schon historisch, und die Jüngeren, die das Haus als angestammten Sitz der Abercrombie & Fitch-Filiale betrachten, müssen schon zu einem Buch greifen, um die alten Zeiten noch nacherleben zu können. Und dass es viel schicker ist, im Büro stilles Wasser von Volvic zu trinken als eine Glasflasche mit Sprudel auf dem Schreibtisch stehen zu haben, war also ein Zeitphänomen einer vergangenen Epoche, die nur mehr im Roman weiterlebt. Ach, meine Jugend, wo ist sie hin…?
Es ist treffend, wie Andreas Bernard das Lebensgefühl im schicken München der 90er einfängt, speziell in der Redaktion eines Magazins, das einer Generation in einem bestimmten Gymnasiums- und Studenten-Milieu (das auch meins war) als Referenz dient, wo sich alle Mitarbeiter für die Größten halten und einen ziemlich hermetischen Kosmos mit eigenem Sprech und eigenen Ritualen aufbauen. Im Heft „Vorn“ aus dem Roman ist unschwer das einstige „jetzt“-Magazin der SZ zu erkennen. Die Faszination eines elitären Zirkels und das Streben dazuzugehören, das ist aber wohl mehr oder weniger in allen „schicken“ Kreativberufen anzutreffen. Heute, da das Internet den Glanz des Journalismus schon deutlich verblassen lässt, wahrscheinlich etwas weniger als damals.
Als Reportage ist das Buch insofern prima gelungen und fein und klug beobachtet. Aber als Roman? Story und Charaktere haben wenig Profil und dienen mehr als Vorwand für die Milieuschilderung. Die Sprache ist klar und präzise, wie sie im Journalismus sein muss, aber es wird beschrieben, behauptet und berichtet – und nicht erzählt. Die Liebesgeschichte im Buch ist schematisch und thesenhaft, und je mehr sie in den Mittelpunkt rückte, umso mehr erlosch mein Interesse.
Zwischen den Zeilen bleibt nicht das geringste Geheimnis, wie bei einem Sachbuch. Als solches fand ich „Vorn“ kurzweilig, als literarisches Werk aber flach. Von daher weiß ich nicht, ob das Buch jemanden begeistert, der nicht in den 1970er-Jahren geboren ist, nicht in München lebt und kein Journalist (oder wenigstens SZ-Leser) ist.

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